Grüne kämpfen für Erhalt der Haltestelle Bertramstraße – leider ohne Erfolg


Die Haltestelle Bertramstraße (rote Markierung in der Mitte) und umliegende Haltestellen (Karte größer)

Was sich bereits vor den Sommerferien angedeutet hatte, wurde nun leider auf der September-Sitzung des Planungs- und Umweltausschusses besiegelt: die Haltestelle Bertramstraße (Tram-Linien 4 und M5) wird nach der Sanierung der Leonhardstraße wegfallen. Wir Grüne haben im Bezirksrat und im Ausschuss für ihren Erhalt gekämpft, aber leider verloren.

Als Argumente für den Wegfall der Haltestelle wurden von der Verwaltung und der Braunschweiger Verkehrs-AG vor allem die folgenden vier Punkte angeführt: geringe Nutzerzahlen, zu wenig Platz für eine niederflugerechte Haltestelle (stadtauswärts), Reduzierung der Fahrzeit um 1 min. sowie v.a. der geringe Abstand zu benachbarten Haltestellen. Hört sich plausibel an, aber betrachten wir die Argumente mal genauer:

1) Geringe Nutzerzahlen: Laut Zählung der Verkehrs-AG gibt es dort am Tag fast 700 Nutzungsvorgänge, und zwar 372 Einstiege und 323 Ausstiege. Davon entfallen allerdings 231 der Ausstiege auf die Zeit zwischen 6 und 9 Uhr und 254 Einstiege auf die Mittagszeit zwischen 12 und 15 Uhr. Aufgrund dieser Zahlen ist davon auszugehen, dass diese Haltestelle zu etwa zwei Dritteln von SchülerInnen (der Außenstelle des Wilhelm-Gymnasiums) genutzt wird und die könnten laut Verkehrs-AG ja auch zur nächsten Haltestelle gehen.
Vernachlässigt werden dabei jedoch ein paar Dinge: Erstens verbleiben noch weitere über 200 Nutzungsvorgänge am Tag von anderen Personen – schon das sind Nutzerzahlen, die eine ganze Reihe von Haltestellen (v.a. weiter außerhalb der Innenstadt) sicher nicht erreichen und an denen aber trotzdem gehalten wird. (Da stellt sich mir die Frage: warum müssen Haltestellen im Innenstadtbereich höhere Nutzerzahlen für ihre Existenzberechtigung aufweisen?) Zweitens werden die SchülerInnen dann v.a. zur (stadteinwärts nächstgelegenen) Haltestelle Am Magnitor gehen. Dort stehen nun jedoch zur Mittagszeit bereits die SchülerInnen des Gymnasiums Gauß-Schule und der Hauptstelle des Wilhelm-Gymnasiums, weswegen jetzt schon zu der Zeit hinter der Haltestelle kaum Durchkommen für andere Fußgänger und Radfahrer ist. Dieses Problem würde sich durch zusätzliche SchülerInnen natürlich verstärken. Und schließlich: warum zählen eigentlich die SchülerInnen als Fahrgäste nicht so richtig?

2) Zu wenig Platz für eine niederflurgerechte Haltestelle (stadtauswärts): Das ist zwar aufgrund der engen Abfolge von Einfahrten richtig, aber auch hierfür gäbe es mögliche Lösungen. Eine Variante sehen wir in der Wendenmaschstr., wo die Anwohner dann halt mal wenige Meter über den Fußweg fahren müssen; oder man hätte mal versuchen können, mit den Hausbesitzern auf der Südseite Ecke Leonhardstraße und Bertramstraße zu verhandeln, ob der Zuweg zu den Parkplätzen hinter den (Eck-)Häusern an der Stelle auf der Leonhardstraße über den Parkplatz von der Bertramstraße aus ermöglicht würde (theoretisch ginge das); oder man verzichtet bei der Haltestelle (stadtauswärts) einfach auf den niederflurigen Bahnsteig (bei unseren Niederflur-Bahnen, die bald zu fast 100% eingesetzt werden, ist ja eh kaum noch Höhe zu überwinden) und gibt für Rollifahrer entsprechende Hinweise, damit sie sich zu einer anderen Haltestelle orientieren können.
Irgendwie habe ich jedoch die Vermutung, dass diese Optionen gar nicht richtig geprüft wurden.

3) Reduzierung der Fahrzeit: Das ist bei der langsamen Durchschnittsgeschwindigkeit in Braunschweig grundsätzlich natürlich dringend anzustreben. Allerdings gibt es auf der Strecke zwischen Leonhardplatz und Stadtmitte zwei andere Zeitfresser, deren Beseitigung deutlich mehr Zeit einbringt. Erstens die langen Wartezeiten auf dem Leonhardplatz, bei denen alle Bahnen vor der Kreuzung an die Haltestelle fahren und ewig herumstehen (selbst wenn niemand einsteigt). Hier müssten die Haltestellen dringend hinter die Kreuzung gelegt werden und die Bahnen strikte Vorrangregeln bekommen, dann wäre viel Zeit gewonnen. Zweitens die überflüssige Doppelhaltestelle Georg-Eckert-Straße und Schloss (auf der M5), wo innerhalb von 50m zwei Mal gehalten wird. Auch hierfür kann es andere, zeitsparende Lösungen geben.

4) Geringer Abstand zu anderen Haltestellen: die Entfernungen von der Haltestelle Bertramstraße zu den benachbarten Haltestellen sind: Leonhardplatz (Tram 4 und M5; auf der Karte oben hellblau) 250m (stadtauswärts) bzw. 350m (stadteinwärts, und das auch noch verteilt auf zwei verschiedene Haltestellen), Am Magnitor (Tram 4 und M5; dunkelblau) 290m, Campestraße (Tram M1; pink) 450m (stadtauswärts) bzw. 500m (stadteinwärts) sowie Steintor (Bus 413; gelb) 420m und Hochstraße (Bus 413; grün) 450m. Nach Wegfall der Haltestelle werden nahezu alle Haltestellenabstände auf deutlich über 500m anwachsen. Nun mag jedeR für sich selber überlegen, wie weit er/sie bereit ist, zur Haltestelle zu gehen, aber gerade in dichtbesiedelten Innenstadtlagen sind 300m-Abstände von Haltestellen nichts völlig ungewöhnliches (auch in Braunschweig nicht). So sind auf dem Linienweg der Tram 4 die Haltestellen von der Innenstadt bis zur Helmstedter Straße bislang ganz regelmäßig alle 300m angeordnet. Inmitten dieser regelmäßigen Abfolge will man nun eine Haltestelle herausnehmen – und zwar die, die am dichtesten von Wohnbebauung umgeben ist und somit das größte Fahrgastpotenzial hat. Denn schließlich muss man ja auch beachten, dass wir hier für die Zukunft bauen und bei weiter steigenden Benzinpreisen und einem wachsenden Bewusstsein für die Gefahren des Klimawandels auch mit steigenden Nutzerzahlen für den ÖPNV zu rechnen ist.

Die von uns Grünen vorgebrachten Gegenargumente haben leider niemanden in Verwaltung, Verkehrs-AG oder Politik zum Umdenken veranlasst. Leider ist mein Eindruck dass die von uns genannten Punkte auch gar nicht richtig geprüft wurden (zumindest sind entsprechende Anmerkungen oder auch die Frage nach der Nutzen-Kosten-Relation der Maßnahme immer nur unzureichend beantwortet worden). Stattdessen scheinen kurzfristige Erwägungen (darunter auch die finanziellen Einsparungen durch einen Verzicht auf den Neubau der Haltestelle) überwogen zu haben. Unser Änderungsantrag zum Erhalt der Haltestelle, selbst als nicht-niederflurgerechter Bedarfshalt, wurde schließlich im Planungs- und Umweltausschuss von CDU und SPD abgelehnt.
Sollten nach Beendigung der Baumaßnahme AnwohnerInnen und Eltern die Haltestelle vermissen und sich beschweren wollen – das sind die richtigen Adressaten.

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld